Adel Shams El-Din

Alexandria / Paris — percussion

Adel Shams El-Din

 

Rhythmus ist die Mitte unseres Lebens. Wir sprechen von biologischen Rhythmen wie z.B. dem Herzschlag, dem Rhythmus der Natur (der Zyklus der Jahreszeiten) oder, im künstlerischen Bereich anderes als bei der Musik, dem Rhythmus eines Gedichts oder eines Gemäldes.

Musikalische Rhythmen sind von anderer Natur. Es gibt mehrere Komponenten: Dauer (Tempo, Takt), Intensität (Variationen der Lautstärke), Klangfarbe und Tonhöhe (die Abstimmung des Trommelfells). Die Kombination all dieser Elemente macht den Reiz und den Reichtum der Perkussion aus.

Adel Shams el-Din ist ein Meister dieser Kunst. Auf den Aufnahmen seiner CD kommen sie in den Genuss einer großen Auswahl an Klängen, vor allem auf dem Riqq: es scheint ihm zu gelingen, alle 10 Paare der Messingschellen in Schwingung zu versetzen. Sein großes Gespür für Tempo lässt sein Spiel jedoch nicht wie das eines Metronoms klingen. Er ist ein Spezialist für die feinen Nuancen, die überraschen und das Publikum verzaubern. Wiederholungen und Variationen folgen dicht aufeinander, zusammen mit einem raffinierten Einsatz von Synkopen, wobei die rhythmischen Muster plötzlich zum Stillstand zu kommen scheinen oder asynchron anmuten, und das für einen kurzen Augenblick und damit zum Vergnügen der Zuhörer.

Er ist genauso flink, wenn es um Veränderungen geht, die sich unmerklich von einem rhythmischen Zyklus zum anderen vollziehen. Er kann jederzeit Substanz zu einem einfachen Gerüst, einer rhythmischen Formel geben und somit die innere Seele eines Stückes beleben.

Adel Shams el Din lernte seine Kunst in der traditionellen Weise, zu Hause beginnend in einer Familie von Musikliebhabern in Alexandria, wo niemand jemals daran dachte, Musik professionell zu betreiben. Er selbst studierte Maschinenbau an der Universität, als er den talentierten Musikwissenschaftler und Komponisten Fathi Guened kennen lernte, der ihn die Kunst des Darabuka-Spiels lehrte. Er verfolgte seine Universitätslehrgänge, während er eifrig die oft asymmetrischen rhythmischen Zyklen des Maschriq einstudierte. Sein wissenschaftlicher Hintergrund half ihm die rhythmischen Abfolgen zu analysieren, doch Samir Benyamin, Schlagzeuger im Orchester der Oper, wurde auf ihn aufmerksam und brachte ihn zum Riqq. Diese kleine Rahmentrommel mit Klangscheiben, welche man auch im Takht gefunden hatte, werden in kleinen Ensembles von fünf oder sechs Musikern in der ägyptischen Kunstmusik eingesetzt. Später spielte Adel Shams el-Din dann auch in Alexandria im Rundfunk-Orchester und in verschiedenen traditionellen Musikgruppen.

Er wurde so allmählich zu einem professionellen Musiker, ging dann nach England, bevor er sich in Paris niederließ. Dort wurde er bald in El Djazair, einem berühmten orientalischen Kabarett in der rue de la Huchette engagiert, wo er die Rhythmen anderer arabischer Länder wie dem Maghreb und dem Maschriq kennen lernte. Seitdem hat er seine musikalischen Erfahrungen erweitert. Er spielte seit langer Zeit in dem al-Kindi Ensemble, welches unter anderem auch die größten Solisten des arabischen Orients, wie z.B. die berühmte libanesische Sängerin Wadii al-Safi begleitete, und in anderen Ensembles, darunter Suspiro del Moro, dessen Leiter der Aoud Spieler Marc Loopuyt ist. Er begleitete ebenso viele Künstler des mittleren Ostens. Er verschießt sich auch nicht, seine Musik mit europäischer Musik des Mittelalters zusammen zu bringen, so wie er es in einem Duett mit Magali Imbert am Recorder praktiziert hatte.

Obwohl er durch seinen Unterricht, seine Konzerte und durch die Aufnahmen von zahlreichen CDs das europäische Publikum schon auf die rhythmische Vielfalt und Raffinesse der orientalischen Percussion aufmerksam gemacht hatte, war er zum Zeitpunkt seiner Ankunft in Frankreich im Jahr 1980 noch recht unbekannt.

All seine Erfahrungen halfen ihm jedoch seinen persönlichen Stil zu entwickeln, der einerseits auf der Tradition basiert, der aber vor allem auch für neue Einflüsse und seine eigenen Inspirationen weit offen ist. Er hat sich mit der Solo CD „Musique Du Monde“ einen lang gehegten Traum erfüllt. Wobei er in mehreren Stücken bei verschiedenen Teilen seine drei Lieblingsinstrumente einsetzt: den Riqq, die Darabuka und die Bandair. Nichts desto trotz verursacht diese neue Freiheit in Fantasie und Kreativität keinerlei Nachlässigkeit in der Präzision.

Die Aufnahmen der CD „Musique Du Monde“ stellen eine geografische Reise durch die arabische Welt dar, den Orient, den Maghreb sowie eine Zeitreise in die vielfältigen traditionellen Rhythmen, sei es in der Volks- oder Kunstmusik.

Es mag überraschen Notationen dieser Rhythmen zu sehen, die in der Regel mündlich überliefert werden. Dennoch war es ein arabischer Musiker und Theoretiker, Safi al-Din al-Urmawi, der die Notation von rhythmischen Zyklen schon im 13. Jahrhundert in Bagdad erfand. Transkriptionen hiervon können in der Kitab al-Adwär, dem „Buch der Zyklen“ gefunden werden. Die Instrumente Der Riqq ist eine Rahmentrommel, deren Membran aus Fischhaut hergestellt wird. Der Rahmen ist mit zehn Paaren kleiner Klangscheiben (Becken/Cimpeln) ausgestattet. Die Darabukka ist eine Bechertrommel, deren Korpus ebenso mit einem Fell aus Fischhaut bespannt wird. Die Bandair (daf) ist eine Rahmentrommel, deren Membran aus Ziegenleder besteht. Sie ist größer als der Riqq und hat im Gegensatz zum Riqq keine Rasselkörper im Rahmen. Die Sagat sind zwei Paare von kleinen Metall-Becken, welche mit Gummibändern auf den Fingern festgehalten werden.