30.8.2013 – Der Atem der Reinheit

Der Klang ist grenzenlos

Hossam Mahmoud - Aoud & Komposition
Frank Stadler - Violine

Reinheit meint in der uralten Lehre der Sufis die Freiheit des Herzens von Unwissenheit und Aberglauben, von Egoismus und Fanatismus. Im Herzen liegt das Geheimnis des Lebens, im Ausatmen seine Kunst. Sufi ist der Liebende, der Geliebte ist Gott, ein Gott, der nicht an eine bestimmte Religion gebunden ist. Mag der Sufismus auch im Islam beheimatet sein, mag das arabische Wort nun Reinheit bedeuten, Schurwolle (nach den wollenen Gewändern der Sufis) oder gar vom griechischen „sophia“ (Weisheit) stammen, die Lehre sagt, dass in allen großen Religionen grundlegende Wahrheit zu finden ist, ja dass die Mystik des Sufismus über den Religionen steht. Der Weg der Sufis geht, vereinfacht betrachtet, vom Gesetz des Mein und Dein zur zweiten Stufe, auf der „meins deins und deins meins“ ist, zur dritten Stufe der über dem Gesetz stehenden Wahrheit und zur vierten der Erkenntnis, in der es „kein Ich und kein Du“ mehr gibt und nichts und niemand von Gott getrennt ist. So betrachtet, war Franz von Assisi ebenso ein Sufist wie zum Beispiel Buddha.

Der Komponist ist auf der Suche nach zwei wesentlichen Dingen des Lebens, dem Atem und der Reinheit, zu den verschiedenen Schulen der Sufis in Ägypten gegangen, in deren Lehre der Atem eine ebenso wichtige Rolle spielt wie die Reinheit. Er hat von ihnen die Erlaubnis erhalten, während der Feierlichkeiten Aufnahmen zu machen. Man muss zu den echten Sufis gehen, um ihre Musik und ihre Reinheit zu finden. Sie geben, ihrer Philosophie entsprechend, keine Konzerte.

Die Geige hat viele Wurzeln, eine Spur scheint bis in das 8. Jahrhundert in den spanisch-maurischen Bereich zurück zu führen. Vieles, was in der so genannten abendländischen Kultur bedeutsam ist, wurzelt im Morgenland. Jedenfalls ist die Geige oder Violine (eigentlich die kleine Viola) eines der Paradeinstrumente der so genannten abendländischen Kultur geworden. Der Körper der Geige ist aus Holz gefertigt und dies eint sie mit der Oud; eigentlich müsste man gemäßdem Arabischen „der Oud“ sagen. Doch aus dem nahöstlichen bundlosen Instrument, dessen Namen wörtlich Holz bedeutet und das bis weit in die Antike zurück verfolgt werden kann, wurde über eine wichtige Zwischenstation in Andalusien, dieser Forschungsstation weltumfassender und die Welt verbindender Kultur im Mittelalter, die weibliche Laute. Aus „al-Oud“ wurde einfach laúd, Laute, liuto, lute und so weiter. Dass auch heimkehrende Kreuzfahrer an der Verpflanzung des Instruments in den Westen beteiligt waren, erzählt von kultureller Befruchtung sogar dort, wo wahnhafte Ideologien eigentlich Hass säten.

Die klassische arabische Musik lässt sich teilweise auf altgriechische Tonsysteme zurückführen und verwendet Vierteltöne, die in Europa zwar schon im 11. Jahrhundert in einer Klosterhandschrift aus Montpellier nachweisbar sind, aber bis ins 20. Jahrhundert nur sehr vereinzelt von wagemutigen Musikern verwendet wurden. Erst in der Moderne wurde die Mikrotonalität in den Formenkanon der europäischen Musik verstärkt aufgenommen. Im allgemeinen Bewusstsein bedeutet europäische Musik jedoch weiterhin eine musikalische Sprache, die mehr oder weniger stark dem tonalen System verpflichtet ist.

Der Geiger in unserem Konzert kommt aus der Welt der einen, der Oudspieler aus der Welt der anderen Sprache der Töne. Beide sind aber auch in die jeweils andere Sphäre gewandert und mit ihr vertraut. In diesem Konzert treffen sie einander im Land der grenzenlosen Klänge.

Gottfried Franz Kasparek 28.3.2009, Zur Premiere anlässlich der Biennale Salzburg